Wunderschönes Nordsulawesi

«Interessant» denke ich, als ich vorsichtig auf einem Stück der mir unbekannten Frucht herumkaue. Soursop hatte ich bisher noch nie probiert, ja nicht mal davon gehört. Im Deutschen gibt es zwei Bezeichnungen dafür, welche beide nicht sonderlich einladend klingen und mich die ersten Bissen sehr zaghaft probieren lassen: Stachelannone oder Sauersack. Der Geschmack erinnert an eine Mischung aus Banane und Ananas. Ursprünglich aus Mittelamerika resp. der Karibik stammend, werden der unscheinbaren Frucht mit der stacheligen Haut unzählige gute Eigenschaften nachgesagt. Charlie in Tomohon hatte uns die Frucht von einem Baum in seinem Garten geholt und mitgegeben, mit der Anleitung, sie noch ein paar Tage reifen zu lassen, bis sie etwas weich wird. Ich bin froh, können wir sie endlich essen – das Ding wiegt weit über zwei Kilo und auf den hügeligen Strassen von Sulawesi zählt jedes Kilo.

Packen für einen weiteren Velotag
Reisfeld um den Tondano See
Vegetation hat in diesem Klima wirklich ein leichtes Spiel

Unterdessen sind wir seit gut zwei Wochen auf dieser schönen Insel unterwegs und können eine erste Bilanz ziehen. So hat sich zum Beispiel unsere Annahme, dass wir in etwa im Tempo einer Kamelkarawane unterwegs sein werden, als ziemlich akkurat herausgestellt. Im Schnitt legen wir pro Tag rund 30 Kilometer zurück, was in diesem hügeligen Umfeld zwischen zwei und vier Stunden effektiver Fahrzeit entspricht. Dann geht uns meist die Puste aus, denn die Bedingungen sind aus sportlicher Sicht erwartungsgemäss nicht unbedingt optimal. Unsere vier Velos und sämtliches Gepäck bringen rund 150 Kilo auf die Waage – dazu noch die Kinder mit je 18 resp. 20 Kilos. Dieses Gewicht bei tropischen Temperaturen und einer hohen Luftfeuchtigkeit (der Äquator verläuft direkt durch Sulawesi) über Steigungen von als 12% zu bringen verlangt viel von uns ab. Aber wir haben ja Zeit und können es ruhig angehen, manchmal müssen die Kinder halt absteigen und wir schieben unsere Lastesel die Hügel hinauf. Mehr Distanz resp. Fahrzeit können und wollen wir auch den Kindern nicht unbedingt zumuten – obwohl sie auf den Follow-Me-Veloanhängern ja das Privileg geniessen, sich nicht unbedingt aktiv am Vorwärtskommen beteiligen zu müssen. Sarina, welche bei mir angehängt ist, hat oft auch gar keine Zeit, in die Pedale zu treten: Sie ist noch immer vollends damit beschäftigt, die ihr fremde Umgebung wahrzunehmen. Sie staunt über die Motorräder, welche regelmässig bis zu vier Personen oder auch Mal einen ganzen Bund 6 Meter langer Bambusstangen transportieren, grüsst im Vorbeifahren euphorisch jede Kuh, Ziege oder Hund am Strassenrand und freut sich im Allgemeinen über jedes Tier, welchem wir begegnen – vom (giftigen!) Tausendfüssler bis zum Ochsenkarren. Die Kinder haben zudem die Aufgabe, den unzähligen «Hello Mistääär!»-Rufen vom Strassenrand oder aus den vorbeifahrenden Fahrzeugen zumindest ein Winken zu entgegnen.

Unerbittliche Steigungen verlangen regelmässige Verschnaufpausen (die Gruppe beim pinken Haus ruft derweil “Foto, Foto, Selfie!” – wir winken ab
Zwischendurch erwischt uns auch mal ein Regenschauer, hier bei einer Strecke durch dichten Dschungel über einen Pass
Schwierig auf einem Foto festzuhalten, aber das sind locker 13% Steigung (in praller Sonne)
Entlang der wunderschönen Küstenstrasse werden die Steigungen noch intensiver
Die flachen Abschnitte dazwischen bieten willkommene Erholung
Und die Insel ist einfach traumhaft schön
Bananentransport B-Post
Bananentransport Express

Die Aufgabe, den unzähligen “Hello!”‘s zu antworten, kann durchaus in müden Armen resultieren – seit wir vom Hochland an die untouristischere Küste am Molukkenmeer runtergefahren sind, hat sich die Reaktion der Bevölkerung auf unser Erscheinen deutlich intensiviert. Fahrzeuge überholen uns nun nicht mehr sofort, sondern schleichen über längere Zeit hinter uns her, damit sie genügend Zeit haben, uns zu beobachten. Auf den steilen Passstrassen bilden sich jeweils kleine Staus hinter uns, weil wir in unserem Tempo den ganzen Verkehr blockieren. Wenn wir dann aber endlich überholt werden können, blicken wir immer in freundlich lachende Gesichter, welche wieder dieser fast schon kindlicher Freude Ausdruck verleiht, die wir von unseren vergangenen Reisen in Indonesien so positiv in Erinnerung behalten haben. Wir bewundern einmal mehr, wie sich die Menschen hier diese Eigenschaft bis ins hohe Alter bewahren können. Wir sind zurück im Land mit dem Stresslevel im Minusbereich.

Das Unterwegssein mit dem Velo ist wie immer sehr intensiv. Eigentlich beschränkt sich der Tag auf Vorwärtskommen, Essen, Trinken, Schlafen und doch wird dies und alles dazwischen als viel intensiver wahrgenommen als im Alltag zuhause. So können wir es kaum fassen, dass nach einer langen Steigung in der Mittagszeit die Strasse nochmals einen Schlenker macht und sich nach einer Kurve ein noch steilerer Anstieg verbirgt – gut möglich in Sulawesi, haben wir gelernt. Wir schimpfen, schwitzen, mobilisieren die letzten Kräfte und hoffen, dass die Mädchen noch irgendwie mitmachen.

Die kurvigen Passtrassen sind zwar schöner anzusehen, als die langweiligen geraden Strecken…
..sind aber teilweise kaum zu bewältigen, da zu steil. Ohne die rund 20kg der Kinder geht es schon deutlich besser.
Manchmal helfen die Kinder auch schieben…
Und manchmal steigt sogar jemand vom Motorrad und hilft schieben. Terima Kasih!
Die Motivation weiterzufahren ist bisher jedenfalls ungebrochen
Cockpit Sicht
Wir erreichen nach einem Abstecher ins Landesinnere (Kotamobagu) wieder das Molukkenmeer
Wunderschöne Abschnitte entlang dem Küste
Auf Abwegen
Blick von der Küste ins Landesinnere
Erstaunlich klare Flüsse aus den umliegenden Bergen münden im Meer

Die Freude, wenn man mit Velohunger vor einem Teller Essen sitzt (auch wenn es einmal mehr Nasi Goreng gibt). Das Staunen über die wunderschöne Natur hier im Norden der Insel. Das Glücksgefühl, genau dort anhalten zu können wo man will, Pause zu machen und einen Kaffee zu machen. Berührt sein vom Willkommensein und der Freundlichkeit, dass einem geholfen wird, wenn wir Trinkwasser oder ein Dach über dem Kopf suchen. Dankbarkeit für Momente «zum bhalte», wie Nora sie nennt, wenn der Gebetsruf genau in dem Moment erklingt, wenn wir vorbeirollen und der Muezzin unglaublich schön singt. Ungläubigkeit, wenn Nora zwei Mal geholfen wird, ihr Velo in der Sonne den Berg hochzustossen (Indonesier meiden die Sonne, gehen kaum zu Fuss und schon gar nicht bergaufwärts). Oder wenn Wanda, eine Indonesierin auf dem Motorrad, die Mädchen zu sich nimmt und mit ihnen den Berg hochfährt damit sie nicht laufen müssen, während wir irgendwie mit den Velos raufschnaufen. Und oben nicht etwa die Mädchen absteigen lässt, sondern uns zu verstehen gibt, dass noch einige Steigungen kommen und sie uns noch weiter begleitet. So fährt sie über 10km mit den Mädchen auf ihrem Motorrad im Schneckentempo vor uns her, wartet Hügel um Hügel bis wir nachgekommen sind mit den Velos, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen über unser langsames Velotempo, sondern lacht und wartet. Nach über 10km wird es wieder flacher, die Mädchen steigen wieder auf ihre Velos und sie verabschiedet sich von uns – und fährt zurück. Leider haben wir nicht verstanden, wohin sie muss, aber mit grosser Wahrscheinlichkeit ist sie einige Extrakilometer für uns gefahren, um uns zu unterstützen.

Taxi Wanda
Entlang der Küstenstrasse nach Gorontalo
Uns gefällt Sulawesi wirklich unheimlich gut
Belohnung eines steilen Aufstiegs sind die prächtigen Ausblicke
Die Bewohnenden der kleinen Dörfer sind mehrheitlich Muslime – so begleitet uns auch der Gebetsruf der Muezzine mehrmals am Tag
Entlang den Strassen werden oft Sachen zum Trocknen ausgelegt. Nelken, Muskat, Kokos, Kakao… der Duft beim Vorbeifahren ist einmalig
Abendstimmung am Molukkenmeer
Kurz vor Gorontalo

Seit unserem letzten Besuch in Indonesien hat sich einiges getan. Es scheint zum Beispiel, als hätten sich in der Zwischenzeit so ziemlich alle der rund 274 Millionen Einwohner Indonesiens ein Smartphone leisten können. Der Grossteil dieser Geräte wurde ohne Verzollung ins Land geschafft, weshalb die Regierung nun auf eine persönliche Registrierung der Handys besteht, welche mit dem lokalen Netz verbunden werden sollen. Jedenfalls bringen diese modernen Handys natürlich auch ein Gadget mit, welches bei vielen Indonesiern sehr gut ankommt und entsprechend rege genutzt wird: Die eingebaute Kamera.
Angeblich soll Indonesien noch dieses Jahr den unrühmlichen Platz 1 der Liste erreichen, welche weltweit die mobile Bildschirmzeit pro Einwohner angibt. Facebook ist hier noch immer hoch im Kurs und viele weibeln mit ihren Handys um uns herum, um möglichst einen Schnappschuss oder sogar ein Selfie mit uns oder den Kindern zu erhaschen und hochladen zu können. Hunderte von Fotos von uns sind wohl schon auf den sozialen Medien im Umlauf. Besonders unsere Kinder mit ihren hellen Augen und Haaren entlocken den Menschen regelmässig geräuschvolle Laute der Entzückung und rasch werden alle herbeigerufen um dieses Ereignis ja nicht zu verpassen. Im Vorbeigehen mal kurz in die Wange gekneift oder durch die Haare gestrichen passiert tagtäglich. Egal, ob wir kurz etwas einkaufen gehen, oder am Verkaufsstand eine Pisang Goreng essen, es bildet sich innert kurzer Zeit eine Traube Menschen um uns herum, welche beobachtet was wir machen, nach dem woher/wohin/wie lange fragen – so muss es wohl den Filmstars ergehen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. So schön der Kontakt mit den Menschen ist, geniessen wir in anderen Momenten die Zufluchtsorte, wohin wir uns zurückziehen können, wenn wir zu viel Aufmerksamkeit erhalten.

Kurz beim einkaufen…
Kurz am Strand…
Oftmals ist binnen Minuten die ganze Dorfgemeinschaft anwesend und unseren Kindern werden Babies und Kleinkinder in die Arme gedrückt
Besonders Amira mag Babies ja sehr gerne und kommt hier voll auf ihre Kosten
Der Austausch kann durchaus bereichernd sein und wir erfahren viel aus dem lokalen Leben

Es kommt aber auch vor, dass wir am Ende unserer Tagesstrecke in einem Dorf ohne Penginapan (einfachste Unterkunft – Zimmer, Bett, Plumpsklo) landen. In solchen Momenten können wir uns jeweils voll und ganz auf die Gastfreundschaft der Indonesier verlassen: Wir sprechen jemanden an, fragen nach einem Platz für unsere Zelte für die Nacht, es wird telefoniert und innert Kürze werden wir in einem Homestay oder bei einer lokalen Familie untergebracht, welche kurzerhand ein Zimmer für uns räumen und auch noch mit Abendessen (Nasi Goreng) und Frühstück (Nasi Goreng) verköstigen. Für uns sind diese Unterkünfte zwar deutlich anstrengender als ein anonymes Zimmer in einem Hotel, aber auch sehr spannend, da wir viele Eindrücke über das hiesige Leben erhalten. So herrscht die ganze Zeit über ein emsiges Kommen und Gehen von Familienmitgliedern, Nachbarn, Kindern, Hühnern, Katzen und Spatzen, da die Türen ständig offen stehen. In den stadtfernen Gebieten spricht kaum jemand Englisch und wir verständigen uns meist mit unserem beschränkten, aber stetig wachsenden Vokabular an Indonesisch. Versuchen wir dann, einen kleinen Geldbetrag für ihre Umtriebe zu übergeben, wird vehement abgelehnt: «We like help people!» meinte jüngst ein Lehrer, bei dessen Familie wir übernachten durften, bevor er uns mit den besten Wünschen und Allahs Segen weiterziehen liess.

Gastfreundliche Familie beim Abschiedsfoto
Die Unterkünfte abseits der grossen Ortschaften sind auf das nötigste beschränkt: Zimmer mit Bett…
…und das Badezimmer irgendwo in der Nähe. An die kalten Duschen mit dem Kübel haben wir uns erst wieder gewöhnen müssen.
Angebot des Fühstücksbuffets in unserem Hotel in Kotamobagu

Für uns ist immer von Neuem ein grosser Zauber des Reisens, oft im richtigen Moment auf die richtigen Menschen zu treffen, auch wenn dies zunächst noch nicht ersichtlich ist. Vielleicht weil man ohne gemeinsame Sprache mehr spüren muss, an wen man sich wendet, oder das Leben uns einfach eine gute Entscheidung treffen lässt. So übernachten wir in einer kleinen Stadt bei Vera, freunden uns mit ihr an und erfahren so viel von ihr und ihrem Leben, denn sie spricht sehr gut Englisch. Sie hilft uns, als wir mit einem Boot zu einer vorgelagerten Insel wollen und besucht uns zwei Tage später mit ihrer kleinen Tochter in Kotamobagu, wo wir zwei Pausentage machen. Natürlich mit Bananen und Mangos als Geschenk und weiteren inspirierenden Gesprächen. Amira hat Vera sehr ins Herz geschlossen und will sich kaum von ihr trennen. Dies ist manchmal schwierig, auch für Nora, denn beim Reisen wird uns oft noch bewusster, wie vergänglich vieles ist: Momente, Landschaften, Gefühle, Begegnungen mit Menschen. 

Der Abschied von Vera (gelber Hijab) fällt schwer
Mit Veras Hilfe können wir per Boot auf eine menschenleere Insel übersetzen
Wir geniessen diesen Traumstrand mehrere Stunden, ohne eine andere Menschenseele zu treffen
Im seichten Wasser können wir alle wunderbar baden
Ganz Sulawesi ist vulkanischen Ursprungs
Kitschige Postkartenstimmung
Wir freuen uns auf die Togean Inseln!

Wir sind überglücklich mit der Freiheit, so planlos unterwegs zu sein und jeden Tag, jede Woche neu zu entscheiden, wohin wir weiter wollen. Wir haben nun Gorontalo erreicht und werden in den kommenden Tagen versuchen, per Fähre auf die Togean Inseln zu kommen, um ein paar Tage am Strand zu verweilen. Viele der Orte auf diesen abgelegenen Inseln sind ohne Strom und Mobilnetz und nur mit dem Boot zu erreichen. Da die Mädchen sehr gerne baden, wird dies für sie das Paradies sein. Wir beide sind nicht die gleichen Badefans, aber mit schnorcheln, lesen, Yogamatte im Gepäck, Qi Gong und einfach ganz viel sein klingt das auch für uns nach einem ganz guten Plan. Danach geht’s wiederum per Fähre nach Ampana, wo wir uns dann bereits in Zentralsulawesi befinden werden.