Velolos in und um Tbilisi

Bevor wir uns in den Zug nach Tbilisi setzen, machen wir noch einen Ausflug zum Höhlenkloster Vardzia. Eigentlich wollten wir dieses mit dem Velo besuchen, aber eben, meine Knie sind im Moment nicht velotauglich. Also quetschen wir uns ein weiteres Mal in eine Marshrutka und fahren zum Kloster, das in eine rund 500m hohe Felswand geschlagen wurde. Im 12. Jahrhundert erbaut, beinhaltete der über 13 Stockwerke gebaute Komplex insgesamt 409 Zimmer, 13 Kirchen und 25 Weinkeller. Obwohl wegen Erdbeben ein Teil der Höhlen eingestürzt ist, wirkt die Grösse des Höhlenklosters immer noch sehr beeindruckend.

Höhlenkloster Vardzia

Höhlenkloster Vardzia

Heute leben noch immer ca. 15 Mönche das ganze Jahr über in Vardzia

Heute leben noch immer ca. 15 Mönche das ganze Jahr über in Vardzia

Eingang zum Höhlenkloster

Eingang zum Höhlenkloster

Am nächsten Tag müssen wir früh auf den Zug nach Tbilisi. Das Einladen der Velos und des Gepäcks ist keine Herausforderung, sind doch die Türen und Eingänge sehr breit und fast keine Passagiere im riesigen Zugwaggon. Punkt 7 Uhr ruckelt der Zug los und bringt uns in fünf Stunden nach Tbilisi (ca. 130km), das Ticket kostet 1 Fr. pro Person. Je näher wir der Hauptstadt kommen, desto mehr Passagiere steigen ein. Da der Zug das günstigste Transportmittel ist steigen viele Bäuerinnen ein, die Säcke voller Äpfel und anderem Obst und Gemüse einladen um sie in Tbilisi zu verkaufen. Die Atmosphäre ist nicht mit einer Schweizer Bahnfahrt vergleichbar: Lautstark und leidenschaftlich wird miteinander diskutiert, um Plätze gestritten, die ersten Waren verkauft, ständig hin und her gelaufen und unterhalb des Nichtraucher-Zeichens pausenlos geraucht.

Der noch leere, riesige Zugwaggon morgens um 7 Uhr

Der noch leere, riesige Zugwaggon morgens um 7 Uhr

Kurz vor der Stadt Gori, in der übrigens Josef Stalin geboren wurde, fahren wir nahe an der südossetischen Grenze vorbei. Wir sehen Flüchtlingslager, in denen immer noch Vertriebene aus der nun unabhängigen Region wohnen, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit nicht zurück nach Südossetien können. Wie die Region Abchasien wird Südossetien von der Mehrheit der Staaten als Teil von Georgien betrachtet, diese Regionen unterstehen aber nicht der Regierung in Tbilisi, sondern sind de facto unabhängig und werden von Russland als souveräne Staaten angesehen. Der Kaukasuskrieg von 2008 hat das Verhältnis zu Russland politisch stark beeinträchtigt. Die Georgier, mit denen wir darüber sprechen, haben aber keine Ressentiments gegenüber den Russen, das Thema russische Politik ist aber ein Tabuthema.

Blick über Tbilisi, im Vordergrund das alte Stadtviertel

Blick über Tbilisi, im Vordergrund das alte Stadtviertel

Seitenstrasse in Tbilisi

Seitenstrasse in Tbilisi

Wackeliger Clocktower in der Altstadt

Wackeliger Clocktower in der Altstadt

In Tbilisi gefällt es uns auf Anhieb gut. Eine interessante Mischung zwischen Alt und Modern, viele Cafés, Restaurants, schöne Häuser in der Altstadt, Parkanlagen…dazu wohnen wir in einer netten Unterkunft und fühlen uns schon bald wie zuhause. Das Velo haben nicht nur wegen meinem Knie, sondern auch wegen dem Verkehr gleich im Keller des Guesthouses deponiert: Tbilisi ist eine reine Autostadt. Pausenlos rollt der Verkehr auf teilweise sechsspurigen Boulevards mitten durch die Stadt, Velos oder Mofas gibt es hier nicht. Nur Autos, Busse und Minibusse. Fussgängerstreifen werden schon gar nicht hin gepinselt.

Für das Überleben auf den Strassen Georgiens braucht man den Schutz aller Heiligen

Für das Überleben auf den Strassen Georgiens braucht man den Schutz aller Heiligen

...damit man nicht von diesem modernen Krankenwagen abgeholt wird

…damit man nicht von diesem modernen Krankenwagen abgeholt wird

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gross. Wir sehen viele Luxus-Geländewagen aber auch genauso viele bettelnde Personen. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 15%, inoffizielle Schätzungen belaufen sich aber auf 30-50%. Arbeitslosenentschädigung gibt es nicht in Georgien. Der informelle Sektor der georgischen Wirtschaft ist daher enorm, überall in der Stadt gibt es private „Kleinst-Kioske“ (auf dem Trottoir, Treppe zur Unterführung, vor Kirchen etc.), an denen Private Kleinigkeiten verkaufen, um überhaupt ein paar Lari zu verdienen. Viele der Verkäufer sind ältere Menschen, die bei uns schon längst im Pensionsalter sind. Die Rente beträgt hier nur knapp CHF 100 im Monat. Der Wirtschaftsaufschwung, der vor rund 10 Jahren begann, hat die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht erreicht, auch wenn sich die Lebensbedingungen für die Georgier in vielerlei Hinsicht verbessert haben. Es fehlt aber nach wie vor an Arbeitsplätzen.

Informeller Wirtschaftssektor: Diese beiden Frauen verkaufen Snacks, Zigaretten etc. in ihrem "Bauchladen"

Informeller Wirtschaftssektor: Diese beiden Frauen verkaufen Snacks, Zigaretten etc. in ihrem “Bauchladen”

Diese lustige Marktfrau gibt uns auf Russisch zu verstehen, dass sie durch das Foto berühmt werden will und lässt ihre Goldzähne nur kurz aufblitzen

Diese lustige Marktfrau gibt uns auf Russisch zu verstehen, dass sie durch das Foto berühmt werden will und lässt ihre Goldzähne nur kurz aufblitzen

Wir geniessen es, so viel Zeit in einer Stadt zu verbringen. Leider schmerzt mein Knie trotz ein paar Ruhetagen immer noch und wir finden im Privatspital von Tbilisi sogar einen englisch sprechenden Sportarzt. Was für ein Unterschied zu unserem letzten Spital-Erlebnis in der Türkei! Piekfein und organisiert ist die Klinik, flott werden Röntgenbilder gemacht und mein Knie abgetastet. Bursitis, meint der Arzt, Medikamente und eine Velopause seien unabdingbar. Ich kann es kaum glauben. Da ist dieses rechte Knie 5’000km brav mitgefahren und nun soll plötzlich der Schleimbeutel entzündet sein? Und wer hat übrigens dieser Körperstelle diese unattraktive Bezeichnung gegeben?! Das geht ja gar nicht.

Wenig Bewegung ist also angesagt, was für mich etwas gewöhnungsbedürftig ist. Wir entschliessen uns, nochmals in den Kaukasus zu fahren. Die dreistündige Fahrt in den Norden nach Kazbegi ist wunderschön und das Örtchen auf 1’700m ist nur noch 15km von der russischen Grenze entfernt. Kalt ist es, doch der 5’035m hohe Mount Kazbegi bietet einen schönen Anblick. Zur kleinen Kirche muss Miguel aber wiederum ohne mich aufsteigen.

Auf dem Weg in den Kaukasus

Auf dem Weg in den Kaukasus

Die Fahrt führ über einen 2'400m hohen Pass in ein Hochtal

Die Fahrt führ über einen 2’400m hohen Pass in ein Hochtal

Mount Kazbegi (5'035m) mit der kleinen Kirche im Vordergrund

Mount Kazbegi (5’035m) mit der kleinen Kirche im Vordergrund

Gipfelsturm zur Kirche (leider wieder ohne Nora)

Gipfelsturm zur Kirche (leider wieder ohne Nora)

Blick von der Kirche in Richtung Gletscher

Blick von der Kirche in Richtung Gletscher

Zurück in Tbilisi werden wieder ein paar Tage verfaulenzt. Unglaublich, wie rasch die Tage trotz Nicht-Viel-Tun vergehen. Langweilig ist es uns in dieser Stadt noch lange nicht, doch lockt Kakheti, die Weinregion Georgiens. Da im Herbst Traubenernte ist planen wir, irgendwo bei der Weinlese zu helfen. Obwohl dies normalerweise im Oktober gemacht wird müssen wir erfahren, dass die Trauben dieses Jahr bereits im September geerntet wurden da der Sommer sehr warm war. Schade! Im hübschen Ort Sighnaghi quartieren wir uns ein und lernen am Abend, natürlich bei einem Glas Wein, andere Reisende kennen. Zum ersten Mal auf unserer Reise, ja zum ersten Mal überhaupt auf Reisen, treffen wir auf Iraner. Javid und Shadi sind aus Esfahan und stundenlang diskutieren wir über Politik, Wirtschaft und Religion ihres Landes, über die Hoffnung auf eine Änderung und den Wunsch nach mehr Freiheit. Genau das ist das Schöne am Reisen, immer wieder auf Menschen zu treffen, die uns inspirieren oder uns eine neue Welt aufzeigen. Gemeinsam machen wir eine Weintour durch die Region, besuchen verschiedene Weingüter und degustieren die unterschiedlichen Traubensorten…ein schöner Tag!

Sighnaghi liegt oberhalb einer fruchtbaren Ebene

Sighnaghi liegt oberhalb einer fruchtbaren Ebene

Hübsche Strasse in Sighnaghi

Hübsche Strasse in Sighnaghi

Mit Javid und Shadi auf Wein- und Klostertour: Es war super!

Mit Javid und Shadi auf Wein- und Klostertour: Es war super!

Orthodoxe Klosterkirche

Orthodoxe Klosterkirche

Obwohl auch christlich, müssen die Frauen in der georgisch-orthodoxen Kirche ihre Haare bedecken und einen langen Rock anziehen

Obwohl auch christlich, müssen die Frauen in der georgisch-orthodoxen Kirche ihre Haare bedecken und einen langen Rock anziehen

Traditionsgemäss reift der Wein in Georgien nicht in Fässern, sondern in Tonamphoren in der Erde

Traditionsgemäss reift der Wein in Georgien nicht in Fässern, sondern in Tonamphoren in der Erde

Besuch eines Sowjetbunkers, der nun einen riesigen Weinkeller beinhaltet: Es gibt genug zu degustieren!

Besuch eines Sowjetbunkers, der nun einen riesigen Weinkeller beinhaltet: Es gibt genug zu degustieren!

Da Javid und Shadi wie wir am folgenden Tag zurück nach Tbilisi wollen, fahren wir auch diese Strecke gemeinsam. In Tbilisi findet nämlich am Wochenende das Tbilisoba Festival statt, ein Herbstfest mit viel Musik, Wein, Verkaufsständen und Tanzvorführungen mit Gruppen aus ganz Georgien. Mit unseren iranischen Freunden sind wir den ganzen Nachmittag unterwegs und sehen den Tanzgruppen zu. Wir sind erstaunt, wie viele Kinder und Jugendliche hier die traditionellen Tänze vorzeigen, das Niveau ist beachtlich. Interessanterweise tanzen hier die Jungs auf den Zehenspitzen – ohne Ballett-Spitzenschuhe sondern nur in weichen Lederstiefeln!

An den Essständen werden hauptsächlich Fleischspiesse (Shashliks) angeboten: Das Fleisch wird vor Ort zerkleinert

An den Essständen werden hauptsächlich Fleischspiesse (Shashliks) angeboten: Das Fleisch wird vor Ort zerkleinert

Achtung: Die beiden Videos sind sehr laut! Stellt eure Lautsprecher leiser, bevor ihr sie abspielt. Die Lautstärke vor der Bühne war kaum auszuhalten und zwang uns, Ohrstöpsel zu verwenden!

 

Nach zwei Tagen Tbilisoba müssen Javid und Shadi weiter und wir sind wieder zu Zweit. Wir freuen uns jetzt schon, sie in Esfahan wieder zu sehen. Auch wir überlegen uns, wie und wohin wir weiter wollen. Bereits seit einem Monat sind wir in Georgien und wir haben die Georgier von Woche zu Woche lieber bekommen. Wenn auch auf den ersten Blick etwas verschlossen, sind es freundliche, grosszügige und selbstbewusste Menschen und wir fühlen uns in diesem Land sehr wohl. Aber langsam wird es auch in Georgien kühler und es zieht uns weiter. Das Knie ist aber noch nicht velotauglich und vielleicht müssen wir die Velopause noch verlängern. Da wir trotzdem nach mehr als zwei Wochen in und um Tbilisi nun weiter südwärts wollen, werden wir wohl mit dem Zug nach Yerevan, in die Hauptstadt Armeniens, fahren.

6 thoughts on “Velolos in und um Tbilisi

  1. Hallo zusammen

    Toll, was ihr alles für geniale Sachen erlebt und sehen könnt. V.a. das Bild mit der Kirche im Vordergrund des Mount Kazbegi ist genial! Man muss bei so einer Zwangspause nur die positiven Aspekte betrachen und schon ist es nicht mehr ganz so ärgerlich.

    Als Vorbereitung für Armenien: Danke heisst շնորհակալություն (schnorrhakalutsjun). Easy, oder? 🙂

    Grüessli & witerhin gueti Genesig an d’Nora
    Barbara

    • Uh, geht’s nicht einfacher? Bis ich dieses Wort herausgestottert habe hört schon niemand mehr hin! Aber wir haben noch ein paar Tage Zeit zum üben 🙂
      Liebe Gruess, Nora

  2. Hoi Travelos
    Und wieder en spannende Bricht mit tolle Föteli. Hoff, es goht dine Chnü scho besser. Die münd doch eifach guet heile!!!!!
    Gueti Witerreis, gäbet Sorg und gniessset euer vogelfreis Läbe 🙂
    Umarmig

  3. Hallo ihr lieben Zwei,
    Nanu, da wird ein eigentlich nicht programmiertes Georgien noch zu einem Hit….. Ich kann es kaum glauben, dass es so schön ist (Bilder) und Tiflis so einiges zu bieten hat. Ich habe mir nämlich schon gedacht: Nora humpelnd oder irgendwo sitzend in Tbilisi und das ohne ein gutes Buch!!!! wie mag das wohl gehen? Da freut es mich unglaublich, zu lesen was Ihr trotz allem, so Schönes erleben dürft. Immer, aus dem was kommt das Beste machen, congratulations! Heute “schifft-kübelt” es hier nur so runter und am Abend soll es bis 900 m schneien……..
    See you, next time in Yerewan!
    With love Mary-Jones

  4. Hee, Dir Zwee Georgierende

    I hoff ihr händs einigermasse guet und d Knü bessere langsam aber stetig.
    Hui ihr sind Glückspilz: In Georgie het mä grad letscht Wuche in Dmanisi e 1.8 Mio Johr alte Schädel entdeckt, wo d GS vo dr menschliche Evolution könnt ines neus Liecht rücke. Megaspannend. Ev sindr jo idr Nöchi und könned go luege? Denn bitte ei Mol für mi mitstuune und hüenerhütle 😉 Gschicht isch ebe scho megag… ;-))
    Also denn, gniessed, was au immer ihr grad mached und lönds Euch guet go.

    Liebi Grüess
    Regu

    • Hey Regu
      Jo mir händs au gläse aber leider sind mir scho us Georgie usgreist! Schad, suscht hätte mir chöne go luege wo das isch.
      Liebe Gruess us Yerevan vo uns zwei!

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